Doktor Luther zu Wartburg

Doktor Luther saß auf der Wartburg und übersetzte die Bibel. Dem Teufel war das unlieb und hätte gern das heilige Werk gestört; aber als er ihn versuchen wollte, griff Luther das Tintenfaß, aus dem er schrieb, und warf’s dem Bösen an den Kopf.

 Noch zeigt man heutigestages die Stube und den Stuhl, worauf Luther gesessen, auch den Flecken an der Wand, wohin die Tinte geflogen ist.

 Quelle: Deutsche Sagen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), Kassel 1816/18, Nr. 556

Advertisements

Die wilde Kirche

 Auf den Ohmberg im Eichsfeld kam auf seinem Bekehrungsgange durch Thüringen auch der heilige Bonifazius und zerstörte dort eine heidnische Opferstätte auf einem Felsen, der noch jetzt der große Stein heißt. Dort pflanzte er ein Kreuz auf und predigte von einem grausam steilen Felsen, der, vom Ohmberge abgerissen, ganz einzeln sich erhebt, fast wie der erst spät wieder zugänglich gemachte Bonifaziusfels beim Schlosse Altenstein, und dieser Fels und Ort heißt noch heute die wilde Kirche.

 An des Berges Fuß gründete Bonifazius ein Kloster, das hieß zu den drei Annen. Als einstens eine furchtbare Pest das Eichsfeld verheerte und die Geistlichen dahingerafft hatte, sollen neugeborne Kinder zur wilden Kirche getragen und allda von einem Einsiedler getauft worden sein. Es ist dort nicht so recht geheuer; manche haben schon wundersamen Glockenklang vernommen, und eine Frau erblickte selbst die Glocke, silberhell in offner Glockenstube hängend über einem auch offnen überherrlichen Dome, darinnen die Kerzen brannten und ein greiser Bischof das heilige Amt hielt. Ganz erstaunt eilte das Weib, ihren Mann zu rufen, als sie ihn aber endlich gefunden hatte und zur Stelle führte, war die Kirche verschwunden, gleich der Geisterkirche am Ochsenkopf und auf Burg Waldstein.

 Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853

Die Kelle

Von der Kelle, einer viel besuchten Gipshöhle, die früher viel anders und schöner sich darstellte als jetzt, nachdem sie allmählich in sich zusammengebrochen, geht manche Sage.

 Der ursprüngliche Name ist Kehle, soviel als Schlund, und die Sage will, daß dieser schöne, aber auch schaurige Schlund alljährlich ein Menschenleben zum Opfer fordere. Um ihn zu versöhnen, zog in der früheren Zeit ein Priester aus Ellrich mit voller Prozession der Gemeinde, mit Kruzifix, Kirchenfahnen und Heiligenbildern nach der Sankt-Johannis-Kapelle in der Nähe der Höhle und dann nach dieser selbst, senkte ein Kreuz in den eisigkalten Wasserspiegel und zog es wieder daraus hervor, und dann rief er:

Kommt und guckt in die Kelle,
So kommt ihr nicht in die Hölle.

 Auch wohnt in der Kelle eine Nixe, und diese besonders hat es an der Art, Menschen in ihr Wasser zu locken, das kalt und giftig ist. Selbst ein Frosch, den einer hineinwirft, wird gleich starr und steif, was soll da erst ein Mensch tun, der kein Frosch ist!

 An jenem Tage, der Lissabon durch ein entsetzliches Erdbeben zerstörte (1. Nov. 1755), ward im Kehlholze über der Kelle ein seltsames unterirdisches Getöse vernommen, und in Ellrich hörte man ein langanhaltendes Krachen, wie von fernem Donner, auch zeigten die Müller an, daß das Wasser urplötzlich mit ungewöhnlicher Gewalt auf die Mühlen geschossen sei. An demselben Tage ist gleicherweise der Salzunger See in heftige Bewegung geraten, das Wasser ist in die Tiefe hinab wie in einen Trichter gestrudelt und dann wieder mit Rauschen und Brausen hervorgebrochen, so daß es die Ufer überflutet hat.

Das hat in den zwanziger Jahren noch ein alter glaubhafter Mann erzählt, der es selbst gesehen, dennoch haben es Neugescheite verlacht und für Fabel erklären wollen.

  Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853